Törnbericht  Sommer 2017

Stefan Günther
Stefan Günther

Von East Chezzetcook (Halifax) nach Makkovik (Labrador) | Stefan Günther

Vom 25. Mai  2017 bis  7. August 2017  mit der SY Rümhart (Alurumpf mit Hubkiel)

Start nördlich von Halifax (East Chezzetcook) am 25.05. um 09:00 Uhr. Wir haben einen Pilot (ein Lobsterfischer), der uns über die Untiefe an der Barre in der Ausfahrt der Bucht lotst. Bei recht schönem Wetter setzen wir Segel ( Skipper Harm Rotermund, seine Tochter und Schwiegersohn und ich) und segeln entlang der Ostküste von Nova Scotia bis Sheet Harbour. Wir haben uns vorgenommen, entgegen unserer sonstigen Gewohnheit, nur Tagstörns zu machen und möglichst viele kleine Ankerbuchten oder Fischerhäfen zu besuchen. Dementsprechend arbeiten wir uns vor über Marie-Joseph Harbour und Louse Harbour an der Nord-Ost Ecke von Nova Scotia. Wir nutzen die langen Tage und machen viele Wanderungen in der beeindruckend wilden und teilweise unberührten Natur. Das Wetter ist auf unserer Seite und spendiert Sonnenschein und milde Sommertemperaturen.

SY Rümhart
SY Rümhart

Am 28.06. segeln wir nach Cape Breton Island, um durch den Bras D´Or Lake bis nach Baddeck Harbour zu kommen. Diesen Hafen kennen wir schon von früheren Reisen. Es ist ein Wassersport-Mekka in Kanada, in gut geschützter Lage mit Verbindung zur St. Lawrence Bay. Hier verbringen wir 2 schöne Tage an Land, mit guten Einkaufsmöglichkeiten und natürlich dem obligaten Fanfarenumzug zum Canada-Day am 01. Juli.
Wir verlassen diesen schönen Hafen und segeln mit raumen Winden weiter nach Ingonish. Das ist ein wahrlich unerwartet lieblicher und landschaftlich besonderer Ort. Der „Hafen“ ist ein riesiger See, der durch eine sehr enge und flache Zufahrt von allen Winden geschützt ist. Bei hochsommerlichen Temperaturen wandern wir einen ganzen Tag auf dem Middle Head Hiking Trail bis an die Ostspitze der Halbinsel. Viel Sonnencreme und viel Mineralwasser machen die Hitze erträglich. Belohnt werden wir durch phantastische Ausblicke auf den Atlantik und auf die Felsenlandschaft um uns herum.

Ingonish Harbour
Ingonish Harbour

Ingonish ist auch der Start für die Überquerung der Cabot Strait zwischen Cape Breton Island und Neufundland. Wir erwischen am 04.07. erst wenig Wind mit Flaute (also langweiliges motoren) und später eine sehr günstige Südwest Briese, die uns über den manchmal tückischen Kanal bringt. Hier ist dicker Nebel eigentlich an der Tagesordnung und so sind wir über Sonnenschein und guten Wind sehr froh. Am Abend laufen wir in Port aux Basques ein. Zuvor mußten wir uns per Funk beim Hafenmeister anmelden und wie es eben ist, die Fähre von Cape Breton Island nach Port aux Basques lief direkt  vor uns ein und nach deren einem umständlichen Wendemanöver im Hafenbecken durften auch wir uns ein Plätzchen suchen. In Canada sind die Public-Docks mit gelben Markierungen auf der Oberkante des Docks gezeichnet, das heißt, in der Regel sind keine Gebühren fällig und sofern vorhanden, könne die Toiletten und Duschen kostenfrei benutzt werden. Der „Standard“ hält sich allerdings in Grenzen. Die Einkaufmöglichkeiten wurden ab jetzt deutlich schlechter, da es keine Supermärkte mehr gab und die frischen Lebensmittel im Preis deutlich anstiegen.

Ilses aux Morts
Ilses aux Morts

Am 05.07. verholten wir uns in eine kleine Inselgruppe ca. 2 Stunden ostlich vom Port aux Basques – Iles aux Morts. Ein Geheimtip! Durch eine kaum zu sehende versteckte Einfahrt gelangt man in ein Becken von ca. 0,2 sm Länge und 0,1 sm Breite mit gutem Ankergrund und einer wunderschönen hügeligen Umgebung, die völlig unbewohnt ist. Mit dem Dinghi setzen wir über und erkunden in schweißtreibenden Wanderungen die Landschaft, erklimmen „Gipfel“ und arbeiten uns durchs Unterholz. Abends wird ausgiebig gekocht und danach gibt es den obligatorischen „Sundowner“.

06.07. Wir gehen Anker auf , entlang der Westküste von Neufundland zu unserem nächsten Hafen. Es ist ein reiner Fischereihafen mit Fischfabrik namens Codroy. Als wir ankommen, sehen wir wie ein Fischkutter gerade Seezungen entlädt. Nach intensiver Suche finden wir den Kapitän des Kutters und nach ausgiebigen Lob über seinen tollen Hund (ein Labrador!) schenkt er uns 5 große superfrische Seezungen, die dann unser Abendessen werden. Der Ort selbst (ca. 100 Einwohner) hat eigentlich nichts zu bieten außer einer grandiosen wilden Küstenlandschaft und wir nutzen den folgenden Tag für eine lange Wanderung, lernen sämtliche Dorfköter (manche nett, manche nicht) kennen und bekommen einen Eindruck vom Leben der Neufundländer und ihrem Verhältnis zur Fischerei.
Unser nächster Hafen ist nach 72 sm „Beach Point“. Ein sogenannter Outport, ohne Strassenverbindung, nur im Sommer bewohnt von Fischern. Der Hafen ist sehr klein und dank unseres „Becker Ruders“ gelingt das Wendemanöver im Hafenbecken. Die wenigen Fischer freuen sich über das unerwartete Hafenkino und warten gelassen, bis unsere Leinen fest sind. Wir vermeiden es, unnötig lange an Deck zu bleiben, da auch die Moskitos hoch erfreut über unsere Anwesenheit waren. Ohne Moskitonetz und reichlich "Antibrum forte" ist es im Freien kaum auszuhalten. Der Hafen liegt in einer sehr schmalen Landzunge, die ihn gegen den Atlantik schützt, ansonsten gibt es wenig Sehenswertes.

Long Range Mountains bei Beach Point
Long Range Mountains bei Beach Point

Am nächsten Morgen liegt eine dünne Nebelschicht über den Long Range Mountains und beschert uns eine phantastische Kulisse dieser Tafelbergkette mit bis zu 600 m Höhe, die uns nun bis in den Norden Neufundlands begleiten wird. Teilweise fallen die Berge schroff und steil ins Meer ab und für Geologen ist es sicher ein Glück die Faltungen und Gesteinsschichten wie im Bilderbuch anschauen zu können. Wir sind auf dem Weg in die letzte „Stadt“ auf unserer Reise. Es ist die zweitgrößte Stadt in Neufundland, Corner Brook. 2007 waren wir hier schon einmal und haben leider sehr unangenehme Erfahrungen mit dem kanadischen Zoll gemacht. Dieses Mal aber gibt es keine Schwierigkeiten und wir werden sehr herzlich im Corner Brook Yacht Club aufgenommen. Hier gibt es sehr gute sanitäre Anlagen, mehrere Waschmaschinen und in der Stadt reichlich Supermärkte (mit teilweise astronomischen Preisen). Da wir wissen, dass es die letzte Gelegenheit zum Einkaufen von frischem Obst und Gemüse sein wird, schlagen wir hemmungslos zu und verproviantieren uns für die weitere Reise nach Norden.

Cape Anguille Lighthouse
Cape Anguille Lighthouse

Corner Brook liegt am Rande des Gros Morne National Parks, ein riesiger Park in den Long Range Mountains mit unzähligen lohnenswerten Wandertrails, mit Lachs- und Forellenflüssen, mit Bären und einer sehr abwechslungsreichen wilden Landschaft. Wir segeln durch die Bay of Islands, mit explosionsartig auftretenden Fallböen bis zu Bft 10. Da wir schon bei der Ankunft in Corner Brook damit Bekanntschaft gemacht hatten, waren wir jetzt vorbereitet und haben die Segelfläche stark reduziert. Unser Weg führt uns nach Woody Point, im Gros Morne Park. Im strömenden Regen finden wir den wahrscheinlich interessantesten Platz zum Festmachen auf unserer Reise. Es ist an der Holzterrasse an der Wasserfront eines sehr netten Restaurants in dem kleinen Ort. Wir werden herzlich willkommen geheißen und natürlich testen wir das Bier an der Theke direkt neben unserem Schiff. Der Preis: 8 Dollar pro 0,4 Liter. Ein teures Vergnügen aber geschmeckt hat´s trotzdem. Von hier aus machen wir ausgiebige Wanderungen in die Tafelberge, die hier eher einer Mondlandschaft gleichen. Man kann sich die Entstehung der Welt mit Pech und Schwefel hier sehr gut vorstellen. Am nächsten Tag geht es auf den Trail nach Green Gardens, durch dichten Wald zu einer Wiesenterrasse an einer Steilküste ca. 50 Meter über dem Meer. Am Beginn des Trails der lapidare Hinweis: Bear in Area! Also immer schön laut sein und gut Ausschau halten.

Port au Choix. Ein großer Hafen mit Fischfabrik. Zur Zeit ist Saison für Shrimps und Snow Crabs. Wir bekommen von dem Fischer neben uns 10kg Shrimps geschenkt. „Weniger geht nicht – also entweder 10 kg oder nichts“ – Wir entscheiden uns für 10 kg und sind die nächsten 2 Std mit dem Abkochen beschäftigt. Der nächste Tag sieht uns Shrimps pulen und unsere Mahlzeiten zeigen alle möglichen Variationen von Shrimps.

10 kg  Shrimps - weniger ging nicht
10 kg Shrimps - weniger ging nicht

Unser letzter Hafen in Neufundland ist Flowers Cove. Dickster Nebel begleitet uns auf der Reise und als hinter uns in guter Höhrweite die Fähre von St. Barbe (Neufundland) nach Blanc Sablon (Quebec) vorbeifährt und das Nebelhorn - gefühlt - auf unserem Achterdeck tönt, wissen wir unser AIS zu schätzen.

Am 23.7. setzen wir nach Labrador, Red Bay über. Von den Eiskarten waren wir vorgewarnt, bis zu 15 Eisberge zu dieser Zeit in diesem Sektor. Glücklicherweise kein Nebel und handiger Wind. Wir sehen unsere ersten kleinen Eisberge und etliche Growler. An der Einfahrt nach Red Bay passieren wir wieder so einen Brocken und kurz nach dem Festmachen kommt eben dieser Bursche direkt auf uns zugetrieben. Wir mussten also unsere Eisstange klarmachen und mit vereinten Kräften den Growler an unserem Schiff vorbeigeleiten. Die Schaulustigen auf dem Dock waren zahlreich und versicherten uns, dass sie so etwas auch noch nie gesehen hätten. Red Bay hat eine bemerkenswerte Vergangenheit. Es war um 1900 einer der wichtigsten Häfen für die Walfänger. Ein interessantes Museum erzählt sehr detailreich die Geschichte. Von jetzt an segeln wir auf den Spuren der Walfänger nach Mary´sHarbour und in die Outports Battle Harbour, Fox Harbour, Williams Harbour und Petty Harbour. Überall Spuren der alten Walfänger aber auch häufig verlassene und verfallene Fischfabriken, die in Folge der Einführung der Fangquoten in den 70er Jahren nicht mehr rentabel waren.

Red Bay - immer schön Abstand halten!
Red Bay - immer schön Abstand halten!

Am 05.08. machen wir in unserem nördlichsten Hafen „Makkovic“ fest. Wie nicht anders zu erwarten gibt es dort eine große Fischfabrik von und mit der der gesamte Ort lebt. Die Bevölkerung sind überwiegend Inuit. Der Ort hat keine Strassenverbindung, es gibt kein Mobilnetz und Internet geht über Satellit (ar...-langsam). Die Menschen sind extrem freundlich und hilfsbereit und so werden wir auch hier mit Fisch versorgt, den wir gleich filetiert und fertig zum Braten geliefert bekommen. Wir hatten hier Tagestemperaturen von 25 -28°C, bei Flaute und jeder Menge Moskitos. Trotzdem haben wir den Trail um den Ort herum erwandert und wurden durch wunderschöne Ausblicke belohnt.
Am 07.08. bin ich von Makkovik mit einer kleinen 2-motorigen Maschine zurück in die Zivilisation geflogen. Über Deer Lake (Neufundland) nach Halifax und am 08.08. mit dem großen Flieger über München nach Berlin.